23.09.2019 19:31 Alter: 22 days

Eine Lesung zum Thema Identität und Zugehörigkeit - Dilek Güngör und Canan Topcu Gäste der Schulbibliothek der OHS


„Ich sage immer, ich bin Araber.“ - „Ich fühle mich deutsch.“ – „Ich bin Kurde aus der Türkei und Hanauer.“ „Manchmal bin ich am Verzweifeln und weiß nicht, was ich eigentlich sein soll.“  Diese und ähnliche Antworten gaben einige Schülerinnen und Schüler aus drei Deutschkursen der Otto-Hahn-Europaschule auf die Frage nach der eigenen Herkunft. Welche Rolle die Herkunftskultur in der deutschen Gesellschaft heute noch spielt und welche Wechselwirkungen es zwischen Identität und Zugehörigkeit gibt,  beleuchteten die Gymnasiasten am 13. September in ihrer Schulbibliothek mit den Autorinnen Dilek Güngör und Canan Topcu. Die Bibliothekslehrerin Dagmar Hofmann hieß die Gäste willkommen und dankte der Stadt Hanau sowie der Heraeus Bildungsstiftung für die finanzielle Unterstützung der Veranstaltung. Die Moderation hatte die Hanauer Journalistin und Hochschuldozentin CananTopcu, die die Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Publikum zum Einbringen eigener Standpunkte und Erfahrungen ermutigte. Passagen aus Güngörs Roman „Ich bin Özlem“ (2019) dienten dabei als Ausgangspunkt für ebenso nachdenkliche wie fruchtbare Diskussionen. „Ich bin Özlem“ ist Güngörs viertes Buch und ihr erster Roman. Dabei gibt es durchaus biographische Bezüge zu der in Schwäbisch-Gmünd geborenen Autorin, deren Eltern in den 1970er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen waren. In „Ich bin Özlem“ geht es allerdings weniger um das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen. Vielmehr beschreibt der Roman in vielen Alltagssituationen, wie es sich im Deutschland der Gegenwart lebt für eine junge Frau mit türkischen Wurzeln. Wieder und wieder erlebt sich die Deutschlehrerin Özlem als eine von den „anderen“, als eine, die nicht mit einer natürlichen Selbstverständlichkeit von sich sagen kann, dass sie „deutsch“ ist. Die lange Zeit ihren Namen nicht nennt, ohne erklärend hinterherzuschieben, dass die Eltern aus der Türkei stammen. Während Güngör liest, spürt das Publikum die Nähe von Fiktion und real Erlebtem. Topcu, die mit Güngör auch befreundet ist, ergänzt die Erfahrungen von Özlem/Dilek durch eigene Kindheitserinnerungen: Sie berichtet von Anpassungsschwierigkeiten und Diskriminierungserfahrungen, aber auch von der frühen Faszination für eine Kultur mit kaltem Abendbrot auf Holzbrettchen, mit Eierkochern und Brotschneidemaschinen. Dass Deutschsein heute anders ist, diverser und vielfältiger als in den 70er-Jahren, lässt sich im Gespräch erkennen: Die Familien der anwesenden Schüler essen alles Mögliche zum „Abendbrot“, von Spaghetti bis Sushi. Herkunft sei kein Thema, sagen einige der Schüler, es käme auf den Einzelnen an. Andere berichten aber doch von Trennlinien und auch davon, wie es ist, als eingeborener Deutscher mit stereotypen Zuschreibungen und Nazi-Klischees konfrontiert zu werden. In jedem Fall wird deutlich, wie sehr die Individualität des Einzelnen geprägt wird durch die Gesellschaft, in der er sich befindet. „Kann Deutsch-Sein nicht breiter gefasst werden?“, fragt Güngör am Ende der Veranstaltung. „Kann es nicht aus der Kleinheit herauskommen und Platz schaffen für unterschiedliche Identitäten?“  Im Roman lernt Özlem, auf ihre eigene Stimme zu vertrauen und ihren persönlichen Weg zu finden. Es ist vermutlich kein Zufall: Der Name Özlem bedeutet „Sehnsucht“.